Dame in Chemisenkleid
Louis Marie Sicard, gen. Sicardi
Die in diesem Werk Sicardis Dargestellte trägt eine üppige gepuderte Lockenperücke und ein weißes Chemisenkleid mit breitem Rüschenkragen. Das in die zweite Hälfte der 1780er Jahre zu datierende Porträt bildet bezüglich seines Kolorits eine Ausnahme im Werk des Künstlers: Sicardi bevorzugte bei der Gestaltung von Kleidung und Hintergrund üblicherweise leuchtende Farbtöne; hier trifft man fast monochromes kühles Blaugrau. Wärme strahlt einzig das Gesicht der Dame aus, das viele farbliche Nuancen besitzt. Es ist – wie oft in Sicardis Werken – dem Betrachter zugewandt, der Mund als Ausdruck von Sehnsucht leicht geöffnet, die Augen auffallend dunkel.
Sicardi gehört zu den besten Miniaturmalern Frankreichs im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts und hatte auch im Empire seinen »Rang« unmittelbar nach Augustin und Isabey. Durch seine zahlreichen Aufträge für das französische Königshaus und die hohe Aristokratie konnte erein beachtliches Vermögen verdienen. Nach dem Ausbruch der Revolution wurde die Lage für den Künstler indessen schwieriger, doch Sicardi blieb in Paris und versuchte nun, eine neue Klientel aufzubauen. Er porträtierte einige führende Politiker1 und malte Genreszenen mit manchmal erotischem, manchmal revolutionär-patriotischem Inhalt.2 Ludwig XVIII. verlieh dem Künstler unmittelbar nach seiner Thronbesteigung den Orden der Ehrenlegion, offensichtlich in Erinnerung an die zahlreichen Arbeiten Sicardis im Dienst seines Bruders Ludwig XVI.
B. P.