The Tansey Miniatures Foundation

The Tansey Miniatures Foundation

Dame als Diana

Paul Villers

Die Manie, sich in Gestalt einer antiken Göttin malen zu lassen, war zwar in der Zeit Ludwigs XVI. veraltet, aber noch nicht ganz aus der Mode gekommen. In diesem Bildnis von Villers trägt eine junge Frau Lockenperücke und Chemisenkleid ihrer Zeit, verschiedene Attribute weisen sie jedoch als die antike Göttin der Jagd, Diana, aus: Ihre Schultern ziert ein Leopardenfell, in der Linken hält sie einen Bogen und über ihrem Haupt schwebt eine Mondsichel. Diana gehörte zu den beliebtesten Rollen in der Porträtmalerei des 18. Jahrhunderts. Sie galt als ausgesprochen keusch und unnahbar, liebte die Freiheit und die Einsamkeit der Wälder. Mit diesen Eigenschaften kokettierte auch die junge Schöne in Villers’ Miniatur. Sie scheint den Bildbetrachter einzuladen, ihr in den Wald zu folgen. Mit dem rechten Arm will sie den Weg durch das Laub bahnen.

Obwohl es die Kraft der ursprünglichen Farbigkeit eingebüßt hat, zeugt das Werk von großer Begabung. Es ist einfach und klar konzipiert und wirkt trotz der theatralischen Verkleidung natürlich. Mit einigen Bäumen und einem Stück Himmel gelang es dem Maler, eine beachtliche Bildtiefe zu suggerieren und die Dame, die im Atelier des Künstlers Modell saß, in eine fiktive Landschaft zu versetzen.

Antikisierende Rollenporträts sind im Œuvre von Villers selten. Neben der vorliegenden Miniatur kennt man bislang nur eine weitere, die eine junge Unbekannte als Flussnymphe zeigt.1

B. P.

1 Das 1792 datierte Werk befindet sich in einer Pariser Privatsammlung.