Étienne Advinent
Étienne Advinent, Sohn des Knopfherstellers Louis Advinent und dessen Frau Benoîte Binant, wurde am 11. Februar 1757 in Lyon geboren. Er war der ältere Bruder von Étienne-Louis (geb. 1767), dessen Namen und Geburtsdatum er später erstaunlicherweise übernahm. Er war der Pate seines 17 Jahre jüngeren Bruders, der verwirrenderweise fast den gleichen Namen hatte: Louis-Étienne (1774–1843). Étienne verbrachte seine Kindheit in Lyon und war möglicherweise Schüler von Benoît Maxime, einem Zeichenlehrer in Lyon. Als junger Mann reiste er über Montpellier (1782), Lille (1784) und Lausanne (1787) nach Grenoble (1788). In Zeitungsanzeigen, die er zwischen 1784 und 1789 veröffentlichte, bezeichnete er sich als Professor der Académie in Montpellier und ehemaligen Schüler der Académie Royale in Paris, obwohl es dafür keine Belege gibt. Er verdiente damals sein Leben nicht nur als Miniaturist, sondern auch als Maler, Gemäldehändler, Restaurator und Zeichenlehrer. In den frühen 1790er Jahren arbeitete er mit dem Kupferstecher Jacques Gamelin zusammen, der ihn 1791 porträtierte. 1806 hielt er sich in Toulouse auf. Dort stellte er im Museum einige seiner Werke aus, darunter ein Selbstbildnis. Von 1811 bis 1812 war der Künstler in Draguignan damit beschäftigt, ein Gemälde für eine lokale Kirche zu malen. Spätestens seit 1817 lebte er in Marseille, wo er 1818 einige seiner Werke im Salon ausstellte. Weitere Werke zeigte er 1818 und 1819 auf Ausstellungen in Aix-en-Provence und Paris. Um 1828 war er in Nîmes aktiv, wo er auf einer Ausstellung ebenfalls verschiedene Werke präsentierte.
Advinent war dreimal verheiratet und hatte mehrere Kinder. 1778 heiratete er Catherine Chana, mit der er einen Sohn hatte, Louis Charles, der bereits 1776 zur Welt kam und später ebenfalls Maler wurde. Da Advinent damals erst 19-jährig war, wurde das Kind von seinem mutmasslichen Lehrer Benoît Maxime aufgezogen. Um 1780 trennte sich Advinent von seiner Frau, die Ehe wurde aber erst 1797 auf Betreiben von ihr offiziell aufgelöst (später heiratete Catherine Chana Benoît Maxime, der zuvor mit ihrer Schwester verheiratet war). 1788 und 1792 wurde der Künstler Vater zweier Töchter aus einer Beziehung mit Marguerite Chambrau. 1801 verlobte er sich mit Jeanne Giral, da sie aber kurz darauf starb, kam es nicht zur Heirat. Aus dieser Beziehung hatte er eine weitere, in diesem Jahr geborene Tochter. 1802 heiratete er seine zweite Frau, Elisabeth Verzier (1769–1812), die Tochter eines Seidenherstellers aus Lyon, in Montpellier. Im folgenden Jahr wurde sein Sohn Abraham Ulysse geboren, wiederum aus einer außerehelichen Beziehung, diesmal mit Marie-Jeanne Julie (ca. 1780–1862). Advinent heiratete sie 1817 in Marseille, als der Sohn bereits 13,5 Jahre alt war. Entgegen früherer Annahmen war Advinent nie mit Julie Gamelin, der Tochter des Malers und Kupferstechers Jacques Gamelin, verheiratet. Der Künstler starb am 28. Dezember 1831 in Marseille.
Im Jahr 1817 nahm Advinent den Vornamen seines jüngeren Bruders Étienne-Louis an und gab auch sein Geburtsjahr falsch an: Aus 1757 wurde 1767. Der Grund für diesen Identitätswechsel bleibt ungeklärt. In ihrem umfangreichen Artikel zu Advinent führten Dominique Dumas und Nathalie Lemoine-Bouchard (Lettre de la miniature, no. 90, 2026) den Namenswechsel auf ein damals neues Gesetz zurück, nach dem Ehescheidungen auch rückwirkend ungültig waren. Henry-Noel Canival hingegen betont, dass von diesem Gesetz nur neue und in Verhandlung befindliche Scheidungen betroffen waren, und Advinents Scheidung von Catherine Chana von 1797 gültig blieb. Der Künstler hätte Marie-Jeanne Julie 1817 also auch ohne seine Identität zu ändern heiraten können. Nach Canival wollte er dadurch vielleicht seinen Gläubigern oder einem Gerichtsverfahren entkommen.
Advinent malte neben Porträts auch Landschaften und Genremotive, in Öl und Miniatur. Sein vermutetes Selbstporträt von 1804 befindet sich heute in der Fondation Custodia, Paris.
Wir danken Henry-Noel Canival, Paris, herzlich für seine umfangreichen Forschungen zum Künstler.